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Flug in die Vergangenheit Flug in die Vergangenheit
Gelebte Biografiearbeit in einer Einrichtung zur Tagespflege
"Pflegen Ambulant", Ausgabe Juni 2005

Der oft gehörte Begriff von der "Biografiearbeit" ist ein wichtiges, wenn nicht sogar das zentrale Arbeitsinstrument in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Es wird im ambulanten, teilstationären wie vollstationären Bereich angewendet. Dabei finden wir in den vollstationären Einrichtungen eher Biografiegruppen, wohingegen die biografische Einzelarbeit dort weniger häufig ist.

Die mentale Intensität, die mit der Einzelarbeit verbunden ist, besitzt sicher für den Klienten wie für den Betreuer emotional größere Tiefenwirkung. Wie eine personenzentrierte Biografiearbeit aussehen kann, soll an einem recht außergewöhnlichen Beispiel gezeigt werden.

Die Vorgeschichte

Ort des Geschehens ist die gerontopsychiatrische Tagespflegeeinrichtung der gemeinnützigen Gesellschaft für Alten- und Behindertenhilfe (GFA) im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier werden überwiegend Gäste, die an unterschiedlichen Demenzen leiden, betreut. Ein regelmäßiger Gast ist Frau B. (81). Sie besucht die Tagesstätte seit rund fünf Jahren. Von montags bis samstags kommt sie zu uns in die Einrichtung, um hier ihre Tage mit uns zu gestalten. Da sie kein soziales Umfeld mehr besitzt, findet sie hier Kontakt sowie die unterschiedlichsten Anregungen, die einer Vereinsamung und einem schnellen Fortschreiten ihrer Erkrankung entgegenwirken.

Frau B. hatte ein bewegtes Leben. Im Rahmen unserer ersten biografischen Anamnese konnten wir allerdings zunächst nur ein sehr bruchstückhaftes Bild von ihr gewinnen. Wir konnten keine Angehörigen, Freunde oder Nachbarn finden, die uns helfen konnten, mehr über sie zu erfahren. Frau B. selbst war aufgrund ihrer fortgeschrittenen Erkrankung leider nicht mehr imstande, die Lücken in ihrer Lebensgeschichte zu schließen. Auch ihr Betreuer stand vor der gleichen Situation und vermochte ebenfalls kein Licht in das Dunkel zu bringen.

Als sehr hilfreich erwies sich dann jedoch der Kontakt zu ihrer betreuenden Sozialstation. Ihr war Frau B. schon aus gesünderen Tagen her bekannt, weshalb sie uns wichtige Mosaiksteine in einem - wie sich herausstellte - ungewöhnlichen Lebenslauf liefern konnte.

Den wertvollen Hinweisen nach war Frau B. in ihrer Persönlichkeit nicht nur facettenreich, sondern außerordentlich vielseitig tätig. So arbeitete sie in den 40er-Jahren als Klavierlehrerin und Sängerin und - wie wir staunend vernahmen - als Pilotin und Fluglehrerin. Nach dem Krieg arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin in Berlin.

Die tägliche Biografiearbeit

In der biografischen Arbeit mit Frau B. zeigte sich schnell ihre Begeisterung für das Klavierspiel, den Gesang und überhaupt für die Musik. Sie konnte fast jedes Stück auf Ansage auf dem Klavier spielen, wenn auch selten sehr lange. In unserer Musikgruppe war sie eine der Aktivsten.

Mit schon wenigen Anregungen gelang es uns, sie zu aktivieren. Nicht selten reichte der Anblick des Klaviers aus, um sie zum Klavier spielen zu animieren. Ohne dieses biografische Minimal-Wissen wären wir sicher nicht in der Lage gewesen, ihr eine so zielgerichtete individuelle Betreuung anzubieten. Ihr Wohlbefinden offenbarte sich zum Beispiel in Mimik, Aktivitätsgrad, offener Körperhaltung und ihrem Appetit. Dies öffnete uns die Augen, dass diese Beschäftigungen bei ihr einen sehr angenehmen Teil ihres Lebens ausmachten.

Die Idee

Eines Tages, im Frühjahr 2004, sprachen wir in einer Biografiegruppe, motiviert durch Frau B.s fliegerische Vergangenheit, über das Fliegen. Der Gruppenleiter stellte in der anschließenden Evaluation fest, dass Frau B. dabei auffällig aktiv war und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten überdurchschnittlich beteiligte. Wir fragten sie daraufhin, ob sie noch einmal Lust hätte zu fliegen. Zu unserer Überraschung folgte ein spontanes und eindeutiges "Ja", begleitet von einem freudigen Gesichtsausdruck, der die Klarheit ihrer Antwort untermauerte. War ihre Antwort Zufall? Wir glaubten kaum. Ab jetzt wälzten wir in der Teamsitzung Gedanken, wie wir diesen Wunsch für Frau B. erfüllen könnten. Es schossen uns dabei aber auch viele Zweifel durch den Kopf. Sind Frau B.s Reaktionen ausreichend kalkulierbar? Wer fliegt gern einen demenzerkrankten Menschen? Wie reagiert sie heute auf die Geräuschentwicklung und auf die in Flugzeugen eingeschränkten Sitzmöglichkeiten? Sind ihre Erinnerungen beim Fliegen kriegsbedingt vielleicht angstbesetzt? War das Fliegen für sie eine schöne und trotz aller widrigen politischen und wirtschaftlichen Umstände eine schöne und erfüllte Zeit? Fragen über Fragen. Aber die prägnante Antwort von Frau B. auf die Frage, ob sie noch einmal fliegen möchte, nährte unsere Idee, ihr diesen Wunsch eines "Fluges in die Vergangenheit", wenn irgendwie möglich, zu erfüllen.

Flug in die Vergangenheit Die Umsetzung

Nachdem wir diese grundsätzliche Entscheidung gefällt hatten, kam uns die rettende Idee. Unser Geschäftsführer ist Schulleiter und selbst Fluglehrer. Auch in seiner Funktion als Psychologe und Schulleiter in der Altenpflege müsste er uns bei der Klärung unserer Fragen und bei der Realisierung unseres Anliegens mit Frau B. behilflich sein können.

Herr Pongratz reagierte zu unserer Erleichterung unkompliziert und aufgeschlossen. Er freute sich über unsere Biografie- und Recherchearbeit und unser individuelles Engagement, Frau B. einen nicht ganz so unkomplizierten Wunsch erfüllen zu wollen. Aber auch ihre Persönlichkeit, als Frau in dieser Generation, wie auch ihren Lebensweg, empfand er als historische "Rarität" und als etwas Besonderes.

Jedoch bewegten Herrn Pongratz die gleichen Fragen wie uns in den Biografiegruppen. In Gesprächen mit uns verschaffte er sich zunächst ein Bild von der Entwicklung der Erkrankung bei Frau B., der Planbarkeit ihres Verhaltens, emotionalen Labilitäten und von Einschränkungen ihres Bewegungsapparates. Nachdem wir zusätzlich vereinbarten, dass Frau B. bei dem Flug von einer ihr vertrauten Pflegeperson, am besten ihrem Bezugspfleger, begleitet wird, gab es "grünes Licht".

Wir stimmten Frau B. in den kommenden Wochen bis zum Flug unter anderem mit Fotos ein. Ihre positiven Reaktionen bestärkten uns. Im September 2004 war es so weit. Wir verabredeten uns auf dem Flughafen. Um auch die Flughafenatmosphäre in Ruhe aufnehmen zu können, fuhren wir schon eine Stunde früher los. Frau B. wirkte glücklich und zufrieden.

Wie verabredet, trafen wir im Terminal in lockerer und angenehmer Atmosphäre unseren Geschäftsführer. Heute einmal, für uns ganz ungewohnt, als Pilot.

Nachdem am Flugzeug alle äußeren Flugvorbereitungen erledigt waren, machten wir uns an das Einsteigen. Unsere Sorgen, wie Frau B. am besten über die Flügel des Tiefdeckers in die Maschine kommt, verflogen rasch. Sie zeigte eine Vertrautheit und Leichtigkeit beim Einsteigen, als ob sie erst gestern das letzte Mal geflogen sei. Trotz der eingeschränkten Sitzverhältnisse in der Maschine zeigte sie keinerlei Anzeichen von Unruhe. Schon vor dem Motorstart musste eine Checkliste vom Piloten abgearbeitet werden, wozu er uns, wie auch später, jeden Schritt erläuterte.

Frau B. wirkte dabei zunehmend gelassener. Der Start des Motors und sein Geräusch schienen sie sichtlich zu bewegen. Dies alles zeigte, wie schön sie Fliegen in ihrem Leben in Erinnerung haben musste. Dann ging für uns, bedingt durch die vielen auf uns einströmenden neuen Erlebnisse, alles im Zeitraffertempo: Sprechfunk, Rollen, Motorcheck an der Startbahn - Starterlaubnis! Motoren auf Vollgas. Wir hoben ab und kletterten in Richtung Himmel.

Die Atmosphäre in der Maschine glich dem wunderbaren Wetter. Um besser miteinander sprechen zu können, benutzten wir Kopfhörer, über die wir uns untereinander verständigten. Frau B. handhabte dieses ganz selbstverständlich. Ursprünglich war zunächst eine erweiterte Platzrunde geplant, um zu sehen, wie Frau B. reagiert und um gegebenenfalls eher wieder landen zu können. Aufgrund ihrer Freude und ihres problemlosen Verhaltens fiel Herrn Pongratz der Entschluss leicht, bis nach Magdeburg und zurück entlang der Elbe über Dessau und Wittenberg zu fliegen.

Wie angekündigt ging es auf dem Rückweg immer an der Elbe entlang. Hinter der denkwürdigen Lutherstadt Wittenberg, über der wir einen Kreis zur Besichtigung flogen, ging es Richtung Nordwesten zurück über Jüterborg zum Flughafen. Der fünfsitzige französische Flieger mit seinen Panoramascheiben erlaubte einen unglaublichen Ausblick mit einer uneingeschränkten Sicht.

Nach eineinhalb Stunden landeten wir wieder sanft und sicher auf unserem Flughafen. Frau B. war sichtlich gerührt und glücklich. Auf der Heimfahrt im Auto nickte sie erschöpft ein.

Ein nachhaltiges Erlebnis

In den folgenden Tagen war der Flug das Hauptthema in der Tagesstätte. Wir zeigten Fotos und Frau B. erhielt von allen Seiten viel Anerkennung. Für Frau B. und das Team intensivierte sich die Bindung. Die Zufriedenheit auf allen Seiten strahlte auf die gesamte Einrichtung ab und hatte eine große Signalwirkung auf alle Ebenen.

Für alle Beteiligten war es ein großer Tag, der uns allen in der Tagesstätte gezeigt hat, dass wir alle voneinander lernen und uns ergänzen können. Das Leben unserer Gäste erweckt die Neugierde unserer Mitarbeiter und regt deren Phantasie an, um dann die gemeinsame Idee umzusetzen.

Hier könnte der Schlüssel zu den Welten und Gefühlen der Menschen mit Demenz liegen. Beziehungsorientierte, kreative Organisationen ermöglichen dieses. Der Flug, das Wie, Warum und alle anderen Fragen werden unsere Einrichtung noch eine Weile beschäftigen. Das positive Ergebnis auf allen beteiligten Ebenen motiviert uns, den personenzentrierten Ansatz weiterzuverfolgen und zu verbessern.

Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen ist ein bewährter Weg, um zu ihnen Kommunikationsbrücken zu bauen und um sie zu erreichen. Dabei muss man ja nicht gleich "in die Luft gehen". Aber Ideen und Mut zur Umsetzung sind wichtig, um zu dokumentieren, dass unsere demenzerkrankten Mitmenschen uns Gesunden viel geben können, wenn wir dies, während wir sie begleiten und unterstützen, annehmen. Das geschilderte Erlebnis hat uns gezeigt, dass es sich lohnt, in der Sprache der demenzerkrankten Menschen zu sprechen, sowie Wünsche aus ihrer Biografie zu entdecken und umzusetzen. Vielleicht können sie nicht Danke sagen, aber dennoch Dankbarkeit empfinden.

 

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